Entstehung und Entwicklung des Schwyzerörgelis

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Entstehung und Entwicklung des Schwyzerörgelis

Beitrag von Forum Member » Mittwoch 24. Mai 2017, 14:44

Entstehung und Entwicklung des SchwyzerörgelisTamara Balmer
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Bild1.jpg (62.26 KiB) 71 mal betrachtet
Der Vorläufer des Schwyzerörgelis ist das Langnauerli. Es sieht dem Örgeli schon recht ähnlich, ist aber kleiner. Die Melodieseite (Diskant) besteht nur aus einer Knopfreihe mit 9 Knöpfen, die Bassseite aus 2 Knöpfen.

Der erste Örgelibauer war Robert Jten. Er wurde am 3.2.1859 geboren. Nach nur dreijähriger Schulzeit, während der er auch gleichzeitig anfing, Harmonika zu spielen, musste er bereits als Zehnjähriger sein Brot mit Fabrikarbeit verdienen. da sein Vater Fabrikarbeiter war, und das Geld nicht mehr ausreichte.Was Jten zusehends störte, war der kleine Tonumfang seiner Handorgel. So versuchte er, mehr Stimmplatten in sein Instrument einzubauen, was aber aufgrund Platzmangels im Instrument scheiterte. Er sah, dass der Hohlraum des Luftbalges nicht genutzt wird. Also brachte er dort einen Stimmträger in Form einer rechteckigen Holzkästchens an, auf welchem dann die Stimmplatten und -zungen der Melodietöne Platz fanden. Zudem dient das Holzkästchen als Resonanzkasten und verstärkt so den Ton.Iten stellte 1883 in Eigenbau einen Prototyp her, den er nachher auch in kleinen Serien fabrizierte. Dieser Prototyp wurde nun schnell unter dem Namen ‚Schwyzerorgel’ verbreitet. Sie hatte sechzehn Bässe, war in B gestimmt, war dreichörig, die Melodie war diatonisch und die Bässe chromatisch. Mit diesem Instrument war der Grundstein für das heutige Schwyzerörgeli gelegt.Der Name Schwyzerörgeli bezieht sich auf den Kanton Schwyz, weil R. Iten in Pfäffikon (SZ) sesshaft war.


Musikalischer Aufbau
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Die Bassseite besteht heutzutage aus 18 Bässen, also aus 9 Grundbässen und 9 Dur-Akkordbässen (auch Chorus genannt). Die Bässe sind in zwei Reihen angeordnet, die vordere besteht aus den Grundbässen, die hintere aus den Dur-Akkordbässen, wobei z.B. der As-Grundbass auf der selben Höhe liegt wie der As-Dur -Akkordbass. Die Bässe übereinender haben je einen Abstand von einer Quinte. Die beiden Reihen sind leicht gebogen, so dass es für den Spieler leichter ist, die Knöpfe zu drücken, da man im Handriemen nicht viele Bewegungsmöglichkeiten hat.


Die Melodieseite besteht aus 31 Knöpfen. Die erste Reihe, ebenso die Kreuzreihe (dritte Reihe) sind mit je zehn Knöpfen bestückt. Die mittlere Reihe besteht aus 11 Knöpfen. Diese Reihe ist zu den anderen Reihen einen halben Knopf verschoben. Das erleichtert das Spielen.Die mittlere Reihe besteht auf stossen im Wesentlichen aus Es G und B, also den Tönen des Es-Dur-Akkordes. Mit der ersten Reihe ist es ähnlich: auf stossen enthält sie die drei Töne für den B-Dur-Akkord. Diese Reihe entspricht übrigens der einzigen Reihe des Langnauerlis, ausser, dass es den höchsten Ton des Schwyzerörgelis noch nicht hatte. Die Kreuztonreihe ist nach und nach entstanden, es kamen immer ein paar Töne mehr dazu. Der oberste und der unterste Knopf hat man erst vor wenigen Jahren eingeführt. Deshalb ist auch noch nicht so definiert, welche Töne man dort einfügen soll. Man sieht ab und zu auch noch Schwyzerörgeli, die diese zwei Töne noch nicht haben.Man sieht also, dass das Schwyzerörgeli, das als altmodisch gilt, noch gar nicht so alt, und zudem immer noch in der Entwicklungsphase ist, was die grundlegende Annordnung der Töne betrifft.


Tonerzeugung
Hier auf dem Bild sieht man das Innenleben der Melodieseite (Disskant) eines Schwyzerörgelis und in dessen Mitte den Resonanzkasten, welcher Robert Iten dort erstmals angebracht hat. Die kleinen Metallplättchen welche man sieht, nennt man Stimmplatten.
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Auf den Stimmplatten ist je eine Stimmzunge aus Metal und ein kleines Stück Leder mit einem Draht in der Mitte. Unter der Stimmzunge und dem Leder, also in der Stimmplatte, ist je ein Spalt, durch den die Luft kommen soll. Wenn man die Stimmplatte umdrehen würde, wäre auf der anderen Seite dasselbe zu sehen. Der Querschnitt einer Stimmplatte sieht so aus (oder je nach dem gerade umgekehrt): Leder mit Draht, Stimmplatte mit Spalt, Stimmzunge. Durch diese einströmende Luft beginnt die Stimmzunge zu vibrieren: ein Ton entsteht. Das Leder soll durch den zweiten Spalt, also auf dem sich das Leder befindet, keine Luft durchzulassen und der Draht dient zur Verstärkung. Wenn der Spieler jetzt von ziehen nach stossen wechselt, kommt der Luftstrom von der anderen Seite, also ertönt jetzt die zweite Stimmzunge der Stimmplatte, und die erste Stimmzunge verstummt.
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Instrumentierung, Arrangement, Aufführpraxis

Früher erlernte man das Schwyzerörgelispiel per Selbststudium und vielleicht standen einem ein paar kleine Tipps und Tricks eines Verwandten, der das ’Örgelen’ beherrschte, zur Verfügung. Doch Virtuosen auf diesem Gebiet, verrieten ihre Geheimnisse natürlich nicht, da es eben auch durch mühsames Ausprobieren angeeignet wurde.Heute haben es die Schwyzerörgeler leichter, da es nun auch Musikschulen und Musikunterricht für sie gibt.

Verschiedene Lernmethoden und Notensysteme
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Man kann auf verschiedene Weise ein Schwyzerörgelistück erlernen. Früher mussten sie nach Gutdünken spielen (so genannt Stegreif), da nur selten Noten vorhanden waren. Der Erwerb war zu teuer und das Notenlesen wurde noch nicht in der Schule gelehrt. Man hatte eine Melodie im Kopf und versuchte sie dann wiederzugeben. Das Zusammenspiel war hier schwierig, da der eine Spieler das Lied in Es-Dur gelernt hat, der andere dasselbe aber in As-Dur.Manche üben ein neues Stück ab Kassette oder CD. Sie hören also ein Stück und spielen es dann in derselben Dur, wie es auf dem Tonträger festgehalten ist. Das Mühsame an dieser Lernmethode, wie auch am Stegreif, ist, dass man jeden Ton einzeln suchen muss, und ihn dann auch im Kopf speichern muss, ansonsten ist man beim nächsten Üben wieder genau gleich weit.

Heute ist neben dem Stegreif auch die Griffschrift vorhanden (Bild). Bei der Griffschrift handelt es sich um eine Abzeichnung der Melodieseite des Schwyzerörgelis. Man muss sich das Bild eigentlich ungedreht vorstellen, denn bei den zwei grossen Kreisen hat der Spieler sein Bein, und was hier unten ist, dort ist sein Kopf. Die Töne, welche zu drücken sind, werden ausgemalt wenn es sich um ein mehrgriffiges Stück handelt. Wenn es ein eingriffiges Stück ist werden auch oft Zahlen in die Knöpf der Abbildung geschrieben, das spart Platz. Der Balken unten dient zur Erkennung der Zugrichtung des Balgs. Ausgefüllt heisst den Balg stossen, leer heisst ihn ziehen. Unten kann man noch den jeweiligen Bass hinschreiben. (Der Bass ist im Quintenzirkel aufgebaut und reicht von G bis H. Die Bässe sind von 1 – 9 nummeriert, also G=1, C=2, F=3, B=4, Es=5, As=6, Des=7, Ges=8, H=9). Oben in die Kreise schreibt man den Takt hinein. Der Nachteil an diesem System ist, das man weder Taktstriche noch Notenwerte aufzeichnen kann. Das heisst, um trotzdem ein Stück mit Griffschrift zu lernen, muss man genau wissen, wie das Stück tönt. Deshalb besitzt man oft einen Tonträger dieser Stücke. Der Vorteil ist, dass auch jemand ein Stück lernen kann, der keinen Schimmer von Notenwerten hat.


Auch weit verbreitet ist eine Tabulatur, die dem normalen Notensystem recht ähnlich sieht. Die Noten zwischen den Notenlinien entsprechen der äussersten (ersten) Knopfreihe des Schwyzerörgelis. Je höher ein Ton auf den Noten, desto näher ist der dazugehörige Knopf beim Knie des Spielers: je tiefer der Ton auf den Noten, desto näher ist der entsprechende Knopf beim Kopf. Die Töne auf den Notenlinien stehen für die mittlere Knopfreihe, und die Töne zwischen den Notenlinien und mit einem Kreuz sind die der innersten (dritten) Knopfreihe. Die Notenwerte sind genau gleich wie beim normalen Notensystem. Die Akkorde werden wie bei der Griffschrift entweder mit Zahlen oder den Akkord angegeben. Mit einer grossen Zahl oder Akkord ist der Grundbass gemeint, mit einer kleineren ist der Dur-Akkord gemeint. Ob man ziehen oder stossen muss, liesst man wie aus der Griffschrift vom dicken oder dünnen Balken ab. Hier im Bild muss man also ziehen.
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Damit man einen Vergleich zwischen den Notensystemen hat, sind alle Beispiele eine As-Tonleiter. Diese drei Notenausschnitte sind also musikalisch gesehen identisch.
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Grundsätzlich gilt: egal welche Lernmethode man bracht, man sollte das Stück schlussendlich auswendig vortragen können!

Die Drei Stile
Der Bündner Stil:
An diesem Stil ist vor allem das Ensemle charakteristisch. Meist spielen zwei Klarinetten eine 1. und eine 2. Stimme, und das Schwyzerörgeli hat nur eine begleitende Funktion. Ein Beispielstück zu diesem Stil ist s’Bündner Meiteli. Einer der berühmten Örgelibauer aus dieser Gegend ist Joseph Nussbaumer. Die gespielten Titel sind oft Eigenkompositionen, aber auch Titel von Josias Jenny, Peter Zinsli oder Urs Glauser.

Der Berner Stil:
Der Berner Stil drückt sich in seinen oft zweigriffigen Stücken aus. Meistens sind es längere Töne und eine ruhige, gemütliche Melodie. Eine typische Bernerformation besteht aus einer Bassgeige und zwei bis drei Schwyzerörgelis.Es gibt zwei verschiedene Spielarten:Der erste Spieler spielt die erste Stimme eingriffig, der zweite Spieler eine zweite Stimme eingriffig und der dritte Spieler macht die Begleitung.Der erste Spieler gibt die erste Stimme zweigriffig wieder, der zweite Spieler macht eine einfache Begleitung und der dritte Spieler eine schwierige.Ein Beispielstück ist ‚d’Notbräms’.Heutzutage werden oft auch Titel aus der Unterhaltungsmusik gespielt. Zum Beispiel Schlager oder berndeutsche Lieder, wie etwa ’Es Buure Büebli mani nid’ etc.
Der Innerschwyzer Stil:
‚En urchige Muotathaler’ ist ein typisches Innerschweizerstück. Diese sind meist eingriffig, jedoch spielt fast immer ein zweiter Schwyzerörgeler eine 2. Stimme dazu. Auch hier begleitet einer, ein Kontrabass ist oft vorhanden und meistens wird auch mit dem Klavier die Begleitung gemacht. Die Stücke sind oft schnell gespielt und bestehen fast nur aus Läufen. Auch noch zu erwähnen ist, dass die Innerschwyzerörgelis tremoliert sind. Gespielt werden hauptsächlich lebhafte Tänze mit vielen Verzierungen (Triller). Bekannte Vertreter (Altmeister) dieser Stilrichtung sind: Stump-Schmidig (Josef Stump), Rees Gwerder, Betschart-Rogenmoser. Aktuelle Formationen sind z.B.: Trio Markus Flückiger, Schwyzerörgelitrio Mosibuebe.

Örgelihaltung:
In der Innerschwyz wird das Örgeli mitten auf den Schoss gesetzt und mit beiden Händen gestossen oder gezogen. Zudem hat es noch eine Daumenschlaufe (Däumling), welche vom Langnauerli (Vorläufer des heutigen Schwyzerörgelis, mit nur einer Reihe Melodieknöpfen) übernommen wurde.In den übrigen Kantonen besitzt das Örgeli eine Armschlaufe auf der Melodieseite. Das Örgeli wird links vom linken Oberschenkel angestellt. Man hält es, indem der rechte Arm in der Schlaufe ist und man den Daumen seitwärts an das Griffbrett drückt. Häufig wird das linke Bein etwas erhöht, indem man ein ’Schämeli’ unter den Fuss nimmt.

Arrangement:
Aufgeschrieben wird nur die ein- oder zweigriffige Hauptstimme und das relativ einfach, damit das Stück auch Hobbyörgeler spielen können. Der Vorspieler darf beliebige Änderungen vornehmen: z.B. einen Lauf einfügen oder etwas punktieren. Solange diese Änderungen das Stück erschweren, lebendiger und interessanter machen, ist das erwünscht. Vereinfachungen sind jedoch verpönt. Der Spieler hat also eine Vorgabe, was die Interpretation angeht, ist er jedoch relativ frei.Teilweise gibt es auch aufgeschriebene 2. Stimmen, allerdings selten. Wenn es keine gibt, kann man auch eine improvisieren. Wenn man nur zu zweit spielt, wird das Zuhören interessanter, wenn der Begleiter zweite Stimme und Begleitung abwechselt.Sobald mehr als ein oder zwei Örgeler zusammen spielen, begleitet der eine. Das gibt mehr Volumen und Abwechslung in das Musikstück. Hierzu gibt es keine Noten, man ist absolut frei. Pro Teil braucht man in der Regel nur drei verschiedene Akkorde: 1., 4. und 5. Stufe, zum Beispiel As, Des, Es7. Natürlich darf man auch hier ein Läufli machen, verschieden hohe Akkorde verwenden oder mit dem Rhythmus variieren.

Verschiedene Formationen:
Mit dem Schwyzerörgeli kann man allein spielen, In einem Duo, Trio, Quartett, (2-3 Örgeli und ein Kontrabass)In einer Kapelle (Wie oben plus weitere Instrumente: wie Klarinette, Akkordeon, oder Geige, welche die Melodie der Örgeli übernehmen. Das Örgeli begleitet oder spielt eine 2. Stimme.)In einer Grossformation (Viele Örgeli und ein Kontrabass)

Vokabular
diatonisch (wechseltönig)/ chromatisch(gleichtönig) = Wenn man einen Ton zieht und stösst kommt entweder zweimal der gleiche Ton (chromatisch) oder zwei verschiedene (diatonisch).

Zweigriffige Hauptstimme = Um die Hauptstimme zu spielen, drückt ein Örgeler meistens zwei Töne gleichzeitig.

Zwei- oder dreichörig = pro gedrückten Knopf erklingen 2 oder 3 Stimmzungen. Eine Stimmzunge ertönt im Grundton, die restlichen ein oder zwei Töne in der Oktave.

Tremolierte Töne = Sind bei einem dreichörigen Instrument die beiden Oktavstimmzungen absichtlich nicht genau gleich gestimmt (ungleiche Frequenz), entsteht das Tremolo. Man spricht dabei auch von einer Schwebung oder einer Interferenz. Je nach der Differenz der beiden Töne ist diese Schwebung gut bis gar nicht zu hören. Eine Differenz von z.B. 1 Schwingungen pro Sekunde (Herz) ist bereits gut zu hören.Es sind vorallem die Schwyzerörgelifabrikanten aus der Innerschweiz, welche ihre Instrumente tremolieren, wogegen die Hersteller aus dem Kanton Bern eine gewisse Abneigung gegen diese Art des Stimmens haben.

Kreuzton = Als Kreuztöne werden die Knöpfe der innersten (dritten) Reihe bezeichnet. Der Name kommt von der speziellen Notationsschrift her, welche die Töne der innersten Reihe mit einem 'x' versieht, einem Kreuz.

Begleiten = man spielt den passenden Akkord in einer zur Gattung passender Rhythmik. Pro Musikteil verwendet man meist nur die 1., 4. und 5. Stufe.

HILFSMITTEL FÜR ÖRGELER

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Re: Entstehung und Entwicklung des Schwyzerörgelis

Beitrag von Forum Member » Freitag 1. Dezember 2017, 06:36

Guten Tag. Ich habe noch eine interessante Seite gefunden über das Schwyzerörgeli

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