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Der Mann, der schaffte, was niemand für möglich hielt

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Der Mann, der schaffte, was niemand für möglich hielt

Beitrag von Forum Member » Samstag 29. Dezember 2018, 08:27

Die letzten Telefonkabinen der Schweiz beginnen ein zweites Leben. Swisscom verfolgt die Gewinner-Projekte und erzählt hier die besten Geschichten.

Der Mann, der schaffte, was niemand für möglich hielt
Veröffentlicht am 20. Dezember 2018Text: Tanja Kammermann | Fotos: Nino Ubezio
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Marco Schegg aus dem rheintalischen Montlingen hat in monatelanger Arbeit zwei Schiffscontainer und eine Telefonkabine in einen Keller mit Lift umgebaut. Er wurde ausgelacht und als Spinner bezeichnet. Inzwischen sind alle beeindruckt.

Ich steige in die alte Telefonkabine und drücke den Pfeil-nach-unten-Knopf. Der Kasten aus Metall und Glas setzt sich ruckelnd in Bewegung. Ganz langsam versinke ich mit der Kabine im Boden. Ich tauche ein in kalte Luft, einen Geruch aus Keller und frischer Farbe. In Marcos Reich. In seinen Schiffscontainerkeller. Den Piratenbau.

Vor einem Jahr, es ist ein Samstag im November 2017 im rheintalischen Montlingen, Marco Schegg und seine Kollegen trinken gemeinsam Bier in seinem Wohnzimmer. Es ist eine abenteuerlustige Clique, die hier zusammensitzt. Darunter sechs Männer, die vor Jahren mit Jeeps sechs Wochen bis nach Aserbaidschan gefahren sind. Ein Wort gibt das andere und plötzlich ist für Marco klar: «Es ist wieder Zeit für etwas Verrücktes.» Damit ist die Idee für den Schiffscontainer-Keller geboren.
Marco’s Schiffscontainer-Keller Video

Sein engeres Umfeld kennt Marco und weiss, was er kann. Doch sie glauben nicht daran, dass er es schaffen wird. Die Leute im Dorf schütteln nur den Kopf, wenn sie von der Idee hören. Und als er das Baugesuch auf der Gemeinde einreicht, kann sich der zuständige Beamte kaum halten vor Lachen. Das Gesuch wird schlussendlich bewilligt, es gibt nichts, was dagegenspricht. Einzige Auflage: Der Lift muss einen Notausstieg haben und unten in den Containern muss eine Lüftung eingebaut sein. «Hier in der Gegend sind die Menschen allgemein etwas verrückter als anderswo», meint Marco und lächelt verschmitzt.

Die Idee mit dem Telefon-Kabinen-Lift

Marco lässt sich weder von den Reaktionen der Leute, noch von anderen, zum Beispiel technischen Schwierigkeiten aufhalten: Seit März 2018 steckt der 35-jährige Polymechaniker fast jede freie Minute und seine Ersparnisse in dieses Projekt. Als erstes sucht er bezahlbare Schiffscontainer via Google, in Zürich findet er zwei alte aus Amerika. Bald darauf werden die tonnenschweren Stahlteile geliefert. Aus der Bier-Idee wird spätestens jetzt ernst. Als Erstes trennt er die Wände heraus und schweisst die zwei Container zu einem grossen Teil zusammen. «Um den Boden zu entfernen mussten wir 500 verrostete Schrauben mit dem Seitenschneider abtrennen und dann die Bretter rausreissen, das war eine Heidenarbeit».

Um die Container wasserdicht zu machen, investieren sie einiges an Arbeit: Marco und seine Kollegen mussten Löcher stopfen, doppelte Schweissnähte anbringen, eine Seite mit einer riesigen Metallplatte abdichten, Rost abschleifen, Farbe aufgetragen, Dachpappe verlegen und Unterbodenschutz auftragen. «Ich musste mich in dieser Zeit draussen ausziehen und mit Druckluft reinigen, meine Freundin wollte den Metallstaub nicht in der Wohnung», sagt er und lacht. Nach weiteren Fleissarbeiten isolieren sie das Ganze, schneiden ein Loch für den Lift heraus, heben mit einem riesigen Bagger eine Grube aus und versenken den Kasten im Boden vor Marcos Haus.
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Mit einem grossen Kran wurde die zusammengeschweissten Container versenkt.

Irgendwann stellt sich Marco die Frage, was als Liftkabine dienen könnte. Just in dieser Zeit reicht ein Kollege die Idee bei einem Wettbewerb ein, eine Telefonkabine als Lift einzusetzen. «Ich mobilisierte alle, die ich kenne, unserem Projekt ihre Stimme zu geben. Im Dorf, im Verein und auf der Arbeit. Am Ende reichte es und wir gewannen eine der letzten 10 Telefonkabinen von Swisscom.»

Lange Arbeitstage für Marco

Am Anfang war Marco voller Euphorie. Die schwierigste Phase kam, als er die Tiefbauarbeiten, mit den Arbeiten des Stromers und dem Versenken des Containers koordinieren musste. «Ich wollte auf den Winter die Grube schliessen, doch die Baugeschäfte waren voll mit Aufträgen und mussten mich irgendwo dazwischenschieben.» Der wunderschöne Sommer und seine Arbeitszeiten als Polymechaniker haben dem Projekt in die Hände gespielt: «Ich fange um halb sechs an zu arbeiten und bin drei fertig. Da konnte ich einige Stunden am Nachmittag bauen. Ich habe teilweise zu wenig geschlafen und war am Samstag jeweils müde». Wenn Marco ein Projekt im Kopf hat, ist er bereit, alles andere hintenanzustellen, ohne Reue. Das glaube ich ihm.

Einer für alle, alle für einen

Seit längerer Zeit ist nicht mehr alleine. Im Rheintal hilft man einander, auch wenn das Vorhaben noch so wahnwitzig ist. Abends und am Wochenende wird die Baustelle an einer zentralen Kreuzung in Montlingen zum Treffpunkt. Einem seiner Freunde gehört die benachbarte Baufirma. Via diesen kam er an einen grossen Teil der schweren Maschinen, die er brauchte, um in seinem Garten eine riesige Grube auszuheben und dann den Schiffscontainer darin zu versenken. Die Leute im 1800-Seelen-Dorf begannen zu reden: «Die Decke wird doch nie halten» oder «Dort unten erstickst du doch.» «Ich konnte niemanden fragen, wie das geht. Das wurde ja vorher noch nie gemacht, ich habe jedenfalls nichts gefunden. Wir mussten also alles selber entscheiden.» Er hat die Bedenken der Leute im Dorf ernst genommen und einen CO2-Melder, eine Lüftung, die für ein Einfamilienhaus reichen würde, und einen Feuerlöscher installiert. «Das kostet mich etwas mehr, dafür sind auch alle Zweifler beruhigt.»

Der Rummel gefällt ihm nicht

Allein um den Lift inklusive Steuerung einzubauen, brauchten er und seine Kollegen etwa 80 Stunden. Er besteht aus einem Elektro-Stapler, einer Steuerung, einem Hydraulik-Aggregator und eben einer alten Telefonkabine. Ein Tisch und eine Bar sind aufgestellt und die Deko aus Fischernetz und allerlei Strandgut liegt bereit. Marco ist ein Piratenfan. Von aussen wird der Keller eines Tages nicht mehr sichtbar sein. Ein Rasenteppich wird den Untergrund verbergen. Er wird im Dorf immer wieder gefragt, wann er denn fertig werde, weil die Leute gerne einen Blick ins Innere werfen möchten. Ob er den neugierigen Dorfbewohnern Einblick in sein Reich gewähren wird, weiss er noch nicht. «Jetzt gibt es erst noch einiges zu tun, bis wir fertig sind.», sagt Marco.

Swisscom Publifon-Wettbewerb

Noch stehen sie fast an jeder Ecke, spätestens seit dem Siegeszug des Handys fristen sie jedoch ein einsames Dasein: die Publifon-Telefonkabinen. Laufend werden die letzten verbliebenen Kabinen abgebaut, eine Ära geht zu Ende. Swisscom hat den 10 letzten Telefonkabinen ein zweites Leben ermöglicht und sie darum kreativen Köpfen überlassen. Marco war einer der glücklichen Gewinner.

Die Gewinner

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